Mehrere Zentralbanken ziehen ihre Reserven aus britischen und amerikanischen Tresoren ab – der Anteil an Auslandsreserven sinkt deutlich!
Inmitten der gegenwärtigen, von Unsicherheiten geprägten geopolitischen Weltlage erlebt Gold als „Ballaststein“ der Reserveanlagen derzeit eine groß angelegte geographische Umverteilung.
Laut der neuesten Jahresumfrage des World Gold Council (WGC) nimmt das Vertrauen der Zentralbanken in ausländische Tresore deutlich ab.Immer mehr staatliche Finanzinstitutionen entscheiden sich dafür, physisches Gold aus den Tresoren in London und New York ins eigene Land zurückzuholen oder es an vielfältigeren Standorten zu lagern. Hinter dieser Welle der „Goldrückführung“ stehen die wachsende Wachsamkeit gegenüber Finanzsanktionsrisiken sowie die erneute Bekräftigung der Kontrolle über eigene Vermögenswerte.
Über Jahre hinweg spielten die Bank of England (mit über 7.000 Milliarden US-Dollar in Goldbeständen) und die Federal Reserve von New York aufgrund ihrer hohen Liquidität und ausgereiften Handelssysteme die Rolle der „Welt-Goldkammer“. Doch diese Konstellation erfährt aktuell einen grundlegenden Wandel.
Umfragedaten zeigen, dass der Anteil der Zentralbanken, die Gold in London lagern, im Vergleich zum Vorjahr von 64 % auf 57 % gesunken ist; der Anteil der Federal Reserve von New York fiel von 17 % auf 14 %. Im Gegensatz dazu gaben 19 % der befragten Zentralbanken an, ihren Lagerbestand im eigenen Land im letzten Jahr erhöht zu haben – im Vorjahr waren es lediglich 7 %.
Shaokai Fan, Leiter der Zentralbankabteilung des World Gold Council, betont, dass geopolitische Unsicherheiten sowie Sorgen um das „jederzeitige Verfügungsrecht“ über eigene Vermögenswerte der entscheidende Antrieb für diese Entwicklung sind. Die Zentralbanken überdenken zunehmend, ob im Falle extremer Sanktionen in anderen Ländern gelagerte Assets tatsächlich ihr Eigentum bleiben.
Besonders auffällig agieren in dieser Rückführung Indien und Frankreich.
Die französische Zentralbank geht dabei am konsequentesten vor. Laut aktuellen Angaben hat Frankreich in den vergangenen Monaten 129 Tonnen Gold von der Federal Reserve in New York zurückgeholt. Damit werden nun sämtliche französischen Goldreserven im Inland verwahrt. Bemerkenswert ist, dass Frankreich nicht einfach nur die Barren transportiert hat, sondern durch Verkäufe in den USA und Käufe in Europa seine Bestände optimierte. Aufgrund von Preisunterschieden beim physischen Gold erzielte Frankreich damit sogar einen unerwarteten Gewinn von bis zu 11 Milliarden Euro.
Auch Indien setzt vermehrt auf die eigene Sicherheit. Laut Daten ist der Anteil des von der indischen Zentralbank im Ausland (vor allem bei der Bank of England und der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) gelagerten Goldes in den letzten drei Jahren von 55 % auf 22 % gesunken. Diese strategische Umschichtung zeigt, wie große Schwellenländer die Sicherheitsgrenzen für staatliche Vermögen neu definieren.
Während London und New York an Attraktivität verlieren, treten Singapur und Hongkong als neue Akteure in den Vordergrund. Der stellvertretende Premierminister Singapurs gab kürzlich bekannt, dass ein neues Clearing-System für physisches Gold und spezielle Tresordienste für Zentralbanken eingerichtet werden sollen – mit dem Ziel, Singapur zum neuen globalen Gold-Refugium zu machen.
Auch innerhalb westlicher Staaten wächst der innenpolitische Druck, Gold heimzuholen.In Deutschland und Italien haben mehrere Politiker öffentlich die Überprüfung der in den USA gelagerten Goldreserven gefordert, aus Sorge, dass politische Entwicklungen in den USA (wie die Beeinträchtigung der Unabhängigkeit der Fed) die Sicherheit der Anlagen gefährden könnten.
Ross Norman, CEO von Metals Daily und erfahrener Goldhändler, ist der Meinung, dass die Lagerstätte von Goldreserven längst nicht mehr nur eine ökonomische, sondern auch eine politisch-diplomatische Angelegenheit sei. Auch wenn Londons Rolle als globales Liquiditätszentrum kurzfristig kaum zu erschüttern ist, sei die „Dezentralisierung der Goldreserven“ doch ein klarer Zukunftstrend.
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