US-Dollar: Beobachtungen zur 100er-Marke
Morning FX
Leise und unbemerkt hat sich der US-Dollar-Index über die 100-Punkte-Marke bewegt. Die Marke von 100 ist in den vergangenen zwölf Monaten dreimal das obere Ende für US-Dollar-Rallyes gewesen und stellt zudem eine wichtige technische Hürde dar. Deswegen werfen wir heute einen Blick auf die Entwicklungen rund um diese bedeutende Schwelle.
Was ist der wichtigste Treiber für die aktuelle US-Dollar-Rallye? Zinsdifferenzen, Zinsdifferenzen und noch einmal Zinsdifferenzen. Seit Mai ist die Zinsdifferenz zwischen den USA und anderen Märkten deutlich gestiegen, was exakt mit der Stärke des US-Dollar korrespondiert. Das aktuell durch die 2-jährigen US- vs. Nicht-US-Zinsdifferenzen berechnete Niveau des Dollar-Indexes liegt etwa bei 101. Aus Sicht der Zinsdifferenzen ist dieses Mal die fundamentale Lage für die Dollar-Rallye robuster als in den vorherigen Runden.
Warum geht die Zinsdifferenz zwischen den USA und weiteren Ländern auseinander? Im Kern liegt es an der Auseinanderentwicklung der geldpolitischen Erwartungen der G7-Staaten. Wie bereits in unserem vorherigen Artikel „Halbjahresbilanz Devisenmarkt: Schatten unter der glühenden Sonne“ erwähnt, sind die makroökonomischen Ausgangslagen für Zinserhöhungen unterschiedlich – in manchen Ländern sind Zinserhöhungen möglich, in anderen kaum noch. Daten zeigen, dass in den letzten vier Wochen die Zinserhöhungserwartungen für Großbritannien, Australien und Kanada rückläufig sind, während in der Eurozone und Japan die Erwartungen stabil geblieben sind und nur in den USA noch von steigenden Zinserwartungen ausgegangen wird.
Neben den Zinsdifferenzen spielt bei dieser Dollar-Rallye auch das Thema „sicherer Hafen“ eine zentrale Rolle. Zur Jahresmitte diskutieren viele Anleger über die allgemeine Marktentwicklung und sprechen dabei immer wieder von einer sog. K-förmigen Divergenz. Allerdings verläuft diese K-Form in diesem Jahr nicht ganz klassisch – der obere Ast wird immer schmaler, der untere immer breiter. Diese „nicht-standardisierte K-Form“ zeigt, dass die Nachfrage nach sicheren Häfen im Markt weiterhin bestehen bleibt – unabhängig davon, ob der KI-Sektor überfüllt ist oder nicht.
Beim Vergleich der verschiedenen sicheren Häfen zeigt sich: Gold ist in diesem Jahr aufgrund struktureller Finanzierungsprobleme nicht das bevorzugte Fluchtinstrument (siehe „Gold: Ein Blick bei 4300 Punkten“). Rückblickend war der US-Dollar im ersten Halbjahr das beste Fluchtinstrument.
Für den US-Dollar als sichere Währung auf dem Devisenmarkt spielt auch das Thema „überfüllte Positionen“ eine Rolle. Nach meinen Beobachtungen ist das aktuell aber nicht der Fall. Die implizite 25D-RR-Volatilität des Dollars gegenüber einem Währungskorb bewegt sich im historischen Bereich von rund 60% bis 70%, sodass noch Luft nach oben und weiteres Potenzial zur Entwicklung besteht.
Wo geht die Reise hin – ist die 100er-Marke beim US-Dollar-Index ein Start- oder ein Endpunkt? Meiner Meinung nach ist die 100 eher ein Startpunkt – die spannendste Phase des zweiten Halbjahres steht noch bevor.
Zusammenfassung des heutigen Beitrags:
1. Der US-Dollar-Index hat die Marke von 100 Punkten überschritten, was einen wichtigen technischen Bereich darstellt. Der wichtigste Treiber für die aktuelle Dollar-Rallye sind die Zinsdifferenzen. Hinter der Ausweitung der US- vs. Nicht-US-Zinsdifferenz steht letztlich die Divergenz der geldpolitischen Erwartungen der G7-Staaten.
2. Abgesehen von den Zinsdifferenzen ist Flucht in den sicheren Hafen ein weiterer wichtiger Faktor dieser Dollar-Rallye. Im Laufe des Jahres wird der obere Ast der globalen „K-Form“ im Markt immer schmaler, der untere immer breiter – diese Form signalisiert dauerhaft vorhandene Nachfrage nach sicheren Anlagen, wobei der Dollar in diesem Jahr das beste Asset bleibt.
3. Aus Sicht der Positionierung ist der Dollar aktuell eher neutral-lang, aber noch kein überfülltes „Long“-Bild – es gibt weiterhin Potenzial zur Ausweitung. Ich gehe davon aus, dass 100 nicht das Ende für den US-Dollar-Index ist – das zweite Halbjahr könnte sehr spannend werden.
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