Die US-Aktienmärkte steigen rasant – warum folgt der US-Dollar nicht?
Die KI-Welle treibt den US-Aktienmarkt zu einer starken Führungsposition im globalen Vergleich, doch der US-Dollar konnte nicht synchron mithalten. Eine aktuelle Studie von Goldman Sachs beleuchtet die tieferliegenden Gründe für diese Divergenz.
Laut Handelsplattform Sogetrade weist Goldman Sachs im Global Markets Daily vom 24. Juni darauf hin, dass die KI-Handelswelle die US-Aktien erneut im Vergleich zu anderen entwickelten Märkten outperformen lässt. Dennoch bleibt die Entwicklung des handelsgewichteten US-Dollar-Indexes leicht hinter dem Niveau zurück, das allein durch die Aktienmarkt-Performance zu erwarten wäre.
Damit wurde das traditionell hochsynchrone Verhältnis zwischen der relativen Entwicklung der US-Börsen und dem US-Dollar aufgebrochen – das klassische Zusammenspiel zwischen dem Verhältnis S&P 500 zu MSCI Welt ex USA und dem Dollar-Index weist zuletzt eine deutliche Abweichung auf.
Diese Divergenz ist kein Zufall, sondern das Ergebnis dreier struktureller Faktoren. Dennoch betont der Bericht auch, dass die Aktienmärkte inzwischen statt eines zum Jahresbeginn erwarteten Belastungsfaktors einen klaren Stützungsbeitrag für den Dollar liefern.
US-Aktien outperformen, aber vor allem gegenüber entwickelten Märkten
Der Vorteil der US-Aktien in dieser Runde beschränkt sich vor allem auf den Vergleich mit anderen entwickelten Märkten (DM) – nicht mit den Schwellenländern (EM). Asiatische Märkte mit hohem Technologieanteil wie Korea profitieren gleichermaßen von den starken KI-Gewinnerwartungen und Investitionen und verzeichneten teilweise höhere Kurszuwächse als die USA. Diese Märkte sind jedoch nicht im MSCI Welt ex USA (entwickelte Märkte) enthalten.
Dieser strukturelle Unterschied ist für die Wechselkurse entscheidend. Eine Regressionsanalyse der wöchentlichen FX-Renditen gegenüber den bilateralen Aktienzuflüssen zeigt, dass Kapitalströme in den US-Aktienmarkt den Dollar gegenüber Schwellenländerwährungen deutlich stärker beeinflussen als gegenüber Währungen entwickelter Märkte. Da die US-Aktien diese Runde hauptsächlich im Vergleich mit entwickelten Märkten outperformed haben, bleibt der Wechselkurseffekt auf den Dollar begrenzt.
Die „Nachhaltigkeit“ der Gewinnerwartungen bestimmt die Dollar-Nachfrage
Der zweite Erklärungsfaktor bezieht sich auf die Qualität der Gewinnerwartungen, nicht deren Quantität. Die Analyse zeigt: Wenn die einjährigen Gewinnerwartungen für US-Aktien über den Zweijahresprognosen liegen – der Markt also mit einer Abschwächung des Gewinnwachstums in naher Zukunft rechnet –, bleibt der Dollar oftmals hinter dem durch die relative Aktienentwicklung implizierten Niveau zurück.
Die aktuelle Marktbewegung wird primär durch starke kurzfristige Gewinnerwartungsanhebungen getragen, wohingegen die aggregierten Zweijahresprognosen einen Abschwung erwarten. Das bedeutet, dass der durch einen kurzfristigen Gewinnsprung im Vergleich zur nachhaltigen Gewinnverbesserung ausgelöste Dollarbedarf weit weniger ins Gewicht fällt.
Darüber hinaus korreliert die Dollar-Entwicklung sogar stärker mit den eigenen US-Gewinnerwartungen als mit dem relativen Gewinnhintergrund – allein die US-Gewinnerwartungen für die Zukunft erklären einen erheblichen Anteil der Differenz zwischen Dollar- und US-Aktienperformance.
Übermäßig konzentrierter Marktanstieg schwächt Wechselkursübertragung
Ein dritter Faktor liegt in der Marktstruktur selbst. Der jüngste Kursanstieg konzentriert sich stark auf wenige Einzelwerte – die Marktbreite in den USA ist auf einem der engsten Niveaus seit Jahrzehnten. Ein Breiten-Indikator (Differenz zwischen dem Abstand des S&P 500 vom 52-Wochenhoch und dem Medianabstand der Indexmitglieder) zeigt, dass je konzentrierter der Anstieg, desto größer typischerweise die Unterbewertung des Dollar gegenüber der relativen Aktienperformance.
Makroökonomisch betrachtet spiegelt der aktuelle KI-Boom nahezu spiegelbildlich die Softwareverkäufe in der jüngeren Vergangenheit wider: Während bei den Softwareabgaben die US- und Weltbörsen gemeinsam unter Druck gerieten und der Einfluss auf den Dollar begrenzt blieb, profitieren heute weltweit viele Märkte von der KI-Rallye – teilweise sogar stärker als die USA. Dass der Rückenwind für den Dollar also begrenzt bleibt, überrascht nicht. Außerdem tendiert der Dollar in breit aufgestellten, prozyklischen und risikofreudigen Marktphasen ohnehin grundsätzlich zur Schwäche.
Im Fazit gilt: Relativrenditen an den Aktienmärkten dienen weiterhin als Stellvertreter für breitere internationale Zahlungsbilanzwirkungen auf Wechselkurse. Sollten US-Aktien deutlich fallen und andere Märkte outperformen, könnte dies weiterhin ein Auslöser für eine Dollarabwertung sein. Aktuell jedoch hat die KI-getriebene Aktienrallye die Wirkung der Aktienmärkte auf den Dollar von einem erwarteten Belastungsfaktor zu einer klaren Stütze gewandelt.
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