Die Gewinnmargen-Geschichten von Unternehmen im Bereich Künstliche Intelligenz erleben ihre erste "Überprüfung": Canva verlangsamt absichtlich das Wachstum, Figma trägt die Inferenzkosten selbst
Zwei führende Unternehmen aus dem Bereich Design-Software enthüllen mit ihren aktuellen Finanzdaten die verborgensten Kosten der AI-Transformation.
Canva hat diese Woche Investoren davor gewarnt, dass das jährliche Umsatzwachstum auf 20 % verlangsamt wird. Der Grund: Das Unternehmen hat bewusst den Rollout eines geplanten AI-Features zur Steigerung der kostenpflichtigen Abonnements gestoppt – die Nachfrage lag weit über den Erwartungen, genauso wie die Servicekosten. Der am Donnerstag veröffentlichte Quartalsbericht von Figma zeigt, dass das Umsatzwachstum im dritten Quartal von 48 % (im Juni-Quartal) auf 36 % sinken wird, und das Unternehmen gibt zu, dass mehrere ihrer AI-Tools sich noch in der Testphase befinden und kein tragfähiges kommerzielles Modell existiert. Nach Veröffentlichung der Nachricht stürzte die Figma-Aktie innerhalb eines Tages um etwa 15 % ab.

Laut dem Tech-Medium The Information weisen die Erfahrungen beider Unternehmen auf ein identisches strukturelles Problem hin: Die Beliebtheit von AI-Produkten bedeutet nicht automatisch ein gesundes Einheiten-Ökonomiemodell. Unter dem bisher von Investoren für AI-App-Unternehmen erwarteten Narrativ ist dies ein echter Stresstest aus der Praxis.
Canva: Zu hohe Nachfrage als Belastung, bewusste Bremse
Die Schwierigkeiten von Canva sind fast schon dramatisch – nicht weil es zu wenige Nutzer gibt, sondern weil es zu viele sind.
Berichten zufolge sagte COO Cliff Obrecht zu Kollegen, dass die Kosten, um viele kostenlose Nutzer zu bedienen, vor der Einführung von AI „sehr gering“ waren. Aber nach dem Rollout des AI-Features „sind diese Kosten erheblich gestiegen, das Einheiten-Ökonomiemodell hat sich grundsätzlich verändert, wodurch die Senkung der AI-Kosten wichtiger denn je wurde“.
Aus diesem Grund hat Canva beschlossen, den geplanten AI-Feature-Rollout bewusst zu verlangsamen – statt weiterhin mit hohen Kosten Nutzerwachstum zu kaufen. Diese Entscheidung senkte die Umsatzwachstumsprognose direkt auf 20 %, ausgehend von höheren Markterwartungen.
Um das Kostenproblem grundlegend anzugehen, investiert Canva massiv in eigene AI-Modelle. Das Unternehmen gibt an, dass die internen Modelle bei der Generierung von Bildern und Videos schneller und günstiger sind als die der führenden AI-Labore. Das Problem: Diese Modelle konnten das Zeitfenster für den aktuellen AI-Funktion-Rollout nicht einhalten, sodass das Unternehmen an entscheidenden Punkten weiterhin auf externe, kostspieligere Modelle angewiesen war.
Figma: Beta-Produkte kostenlos zugänglich, volle Übernahme der Inferenzkosten
Im Unterschied zur bewussten Bremse bei Canva steht Figma unter einer anderen Kostenbelastung – der Finanzierung noch nicht kommerzialisierter Produkte.
Der CFO von Figma, Praveer Melwani, erläuterte diesen Zusammenhang im Investoren-Call:
„Wir berechnen unseren Kunden derzeit keine Nutzungsgebühren für Produkte, die sich noch in der Testphase befinden. Die Inferenzkosten tragen wir selbst und es gibt keinerlei Einnahmen, die diese ausgleichen.“
Das bedeutet, Figma subventioniert mit eigenen Mitteln die Nutzung seiner AI-Funktionen, während das Unternehmen darauf wartet, dass die Tools aus der Testphase in die kommerzielle Nutzung übergehen. Figma erwartet, dass diese Kostenstruktur die Bruttomarge belastet.
Auch Figma investiert verstärkt in eigene AI-Modelle und hat begonnen, interne Modelle mit führenden Modellen zu kombinieren, um den neuen Figma AI-Agent zu unterstützen. Aber das Training eigener Modelle braucht Zeit und Geld – und die Geduld am Kapitalmarkt ist offensichtlich begrenzt: Nach Veröffentlichung der Prognose fiel der Figma-Aktienkurs um ca. 15 %.
Gemeinsames Dilemma: Die Kostenstruktur der AI-Transformation ist noch ungelöst
Laut Bericht offenbaren die Fälle von Canva und Figma ein allgemeines, temporäres Dilemma von AI-App-Unternehmen: Die Attraktivität auf Produktebene ist bewiesen, aber der Weg zu einem nachhaltigen Profitmodell bleibt unklar.
Beide Unternehmen sehen eigene Modelle als Schlüssel zur Lösung – durch geringere Abhängigkeit von externen, teureren Modellen das Einheiten-Ökonomiemodell nachhaltig verbessern. Allerdings existiert zwischen dem Aufbau-Zyklus eigener Modelle und den unmittelbaren Erwartungen des Marktes an Umsatzwachstum ein schwer zu überbrückender Zeitunterschied.
Analysten sind der Ansicht, dass diese beiden Finanzberichte als wichtiger Referenzpunkt dienen: Die Kosten der AI-Transformation stecken nicht nur in der Forschung und Entwicklung, sondern tiefer in jeder einzelnen Nutzeranfrage und den damit verbundenen Inferenzgebühren. Solange das Geschäftsmodell nicht ausgereift ist, wird dieser Kostenblock weiterhin die Bruttomargen auffressen.
Die AI-Story der Softwareunternehmen steht aktuell vor ihrer ersten echten finanziellen Prüfung.
Haftungsausschluss: Der Inhalt dieses Artikels gibt ausschließlich die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht die Plattform in irgendeiner Form. Dieser Artikel ist nicht dazu gedacht, als Referenz für Investitionsentscheidungen zu dienen.
Das könnte Ihnen auch gefallen
Alle Augen sind auf Washington gerichtet: Kommt nächste Woche die „Superwoche der Zentralbanken“ mit einer Zinserhöhungswelle der G7?
Angesichts steigender Inflation, geopolitischer Konflikte und Ölpreisen über 100 erlebt die G7-Zentralbanken eine entscheidende Zinsentscheidungswoche. Angetrieben durch eine über den Erwartungen liegende Kerninflation wird von der Federal Reserve die erste Zinserhöhung seit drei Jahren erwartet; die Bank of Japan dürfte die Zinsen auf 1,25 % anheben, den höchsten Stand seit 30 Jahren; auch die hawkische Haltung der Zentralbanken Großbritanniens, Europas und Kanadas wird gleichzeitig verstärkt. Die globale Geldpolitik steht vor einem bedeutenden kollektiven Wendepunkt hin zu einer restriktiveren Ausrichtung.
Wird die Fed die Zinsen „kontinuierlich anheben“? Wird sich der „Straffungszyklus“ der späten 1980er Jahre wiederholen?
Ein Bericht von Citi weist darauf hin, dass das aktuelle makroökonomische Umfeld dem restriktiven Zyklus von 1988-1989 sehr ähnlich ist: Damals blieb die Wirtschaft widerstandsfähig, und der Inflationsdruck baute sich schrittweise auf, bevor die wirtschaftliche Aktivität nachließ und die Politik auf eine Lockerung umschwenkte. Während des restriktiven Zyklus damals erhöhte die Federal Reserve die Zinssätze 16 Mal in Folge.
Erzrivalen vereinen sich selten! Elon Musk und Sam Altman unterstützen Dario Amodeis Aufruf zur globalen Verlangsamung von KI
Anthropic Amodei ruft zu einer weltweiten Verlangsamung von KI auf, und die Rivalen Musk sowie Altman treten überraschend gemeinsam öffentlich für diese Initiative ein. Die drei großen Akteure stimmen darin überein, Dritten „Mitarbeiter-Level“-Bewertungsrechte zu gewähren und eine koordinierte Drosselung umzusetzen; Altman kündigte darüber hinaus direkt an, dass OpenAI dieses Jahr keinen Börsengang anstrebt. Der wütende Rücktritt eines Forschers und das kollektive Ausbrechen unkontrollierbarer KIs entfachten die lang angestaute Panik in der Branche.
Die jüngste Einschätzung von Goldman Sachs: Steigende Zinssätze ≠ Rückgang der US-Aktien, Gewinnwachstum ist der Schlüssel zum Bullenmarkt.
Goldman Sachs ist der Ansicht, dass hohe Zinssätze Gegenwind für den Aktienmarkt darstellen, aber keinen Bullenmarkt beenden. Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe ist auf 5,3% gestiegen, aber historische Daten zeigen, dass die durchschnittliche Rendite der US-Aktien 12 Monate nach einer Zinserhöhung +9% beträgt. Die Bilanzen der Unternehmen sind auf dem stärksten Stand seit 20 Jahren, Investitionen in KI und eine Welle von Übernahmen treiben die Gewinnerwartungen weiterhin an. Es wird erwartet, dass der Gewinn pro Aktie im S&P 500 im Jahr 2026 340 US-Dollar erreichen wird, ein Wachstum von 24% gegenüber dem Vorjahr.
