Die US-Aktien verpassen die „gute Nachricht“ vor ihren Augen? Gewinnerwartungen werden selten nach oben korrigiert, Stratege: Fundamentaldaten sind so stark, dass sie „unwirklich“ erscheinen
Seaport Research Partners ist der Ansicht, dass der US-Aktienmarkt derzeit eine deutliche Diskrepanz zwischen Unternehmensgewinnen und Aktienkursentwicklung aufweist: Die Gewinne im zweiten Quartal sind stark, und die Analystenerwartungen werden weiterhin nach oben korrigiert, jedoch drücken hohe Zinsen und Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit der Gewinne auf die Bewertungen. In Sektoren wie Industrie und Transport könnten sich Bewertungsfehler ergeben. Sollte die Federal Reserve jedoch Signale für eine erneute Zinserhöhung senden, könnte dies kurzfristig weiterhin Druck auf den Aktienmarkt ausüben.
Die Unternehmensgewinne und die Entwicklung der US-Aktienkurse zeigen derzeit eine deutliche Divergenz: Die fundamentalen Kennzahlen verbessern sich stetig, doch der Markt bleibt durch hohe Zinsen und makroökonomische Unsicherheiten gebremst. Das Gewinnwachstum in einigen Sektoren spiegelt sich bislang nicht vollständig in den Aktienkursen wider.
Laut MarketWatch erklärt Patrick Palfrey, Leiter der Portfoliostrategie bei Seaport Research Partners, dass die aktuelle Gewinnsituation der Unternehmen außergewöhnlich stark ist und die Analystenerwartungen weiterhin nach oben korrigiert werden. Er betont, dass diese Situation historisch äußerst selten ist – „sie liegt fast außerhalb des Bereichs des Normalen“ – und somit die Widerstandsfähigkeit der Unternehmensgewinne zeigt.
Dennoch drückt das Umfeld hoher Zinsen weiterhin auf die Bewertungsmultiplikatoren. Zudem bestehen bei den Anlegern Zweifel an der Nachhaltigkeit des Gewinnwachstums, sodass die positive Entwicklung der Fundamentaldaten vom Markt nicht ausreichend honoriert wird. Palfrey betont, dass insbesondere Industrie- und Transportaktien herausstechen: Die fundamentalen Kennzahlen dieser Unternehmen verbessern sich deutlich, doch die Aktienkurse profitieren bislang nicht entsprechend – es bestehen eindeutig Chancen auf falsche Bewertungen.
Gleichzeitig könnten Zinsen und makroökonomische Faktoren weiterhin für Marktstörungen sorgen. Die stetig steigenden Ölpreise setzen die US-Aktienindizes unter Druck, die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe liegt bei 4,926 %. Die Zinssitzung der Federal Reserve in der kommenden Woche bleibt ungewiss – aktuell liegt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bei etwa 60 %. Palfrey warnt, dass eine erneute Betonung der Notwendigkeit von Zinserhöhungen durch die Federal Reserve kurzfristig belastend auf den Aktienmarkt wirken könnte.
Starke Gewinne, Analystenerwartungen erreichen historische Ausnahmen
Palfrey betont, dass die Unternehmen im S&P 500 im zweiten Quartal ein Gewinnwachstum pro Aktie von 55 % gegenüber dem Vorjahr verzeichneten – bereinigt um nicht realisierte Gewinne liege das Wachstum immer noch bei 35 %, was „sehr, sehr stark“ sei. Das Gewinnwachstum wird vor allem von Technologiefirmen getragen, insbesondere dem Halbleitersektor, doch er unterstreicht, das gesamte Unternehmensumfeld bleibt gesund.
Von besonderem Interesse ist die Richtung der Analystenerwartungen: Palfrey erklärt, normalerweise seien die Gewinnprognosen zu Jahresbeginn relativ hoch und würden im weiteren Jahresverlauf immer weiter nach unten korrigiert. Aktuell werden die Analystenerwartungen jedoch weiterhin nach oben revidiert – dies stellt einen Bruch mit dem historischen Muster dar.
„Diese Situation liegt fast außerhalb des Bereichs des Normalen – das zeigt, wie stark die fundamentalen Kennzahlen der Unternehmen sind“, sagt er. Dieser Trend wird zum Teil durch den fortgesetzten Ausbau der KI-Infrastruktur und das strukturelle Wachstum der Energienachfrage begünstigt.
Hohe Zinsen drücken Bewertungen, markante Diskrepanzen bei der Preisfindung
Trotz starker Fundamentaldaten räumt Palfrey ein, dass Anleger bei der Festlegung der Bewertungsmultiplikatoren mit realen Einschränkungen konfrontiert sind. Er erklärt, dass das Umfeld hoher Zinsen die Kapitalkosten steigen lässt und das Kurs-Gewinn-Verhältnis drückt – dies sei einer der Hauptgründe für den Rückgang der Multiplikatoren seit Jahresbeginn. Gleichzeitig beschränken die Zweifel der Anleger an der Dauerhaftigkeit der derzeitigen Hochkonjunktur das Bewertungspotenzial weiter.
Als Beispiel führt er die starke Volatilität bei Softwareaktien Anfang des Jahres an: Der Markt hatte Sorgen, KI könnte den traditionellen Softwaresektor revolutionieren, und es wurde massiv abverkauft – „bevor irgendjemand seine Due Diligence erledigt hatte, wurden alle Unternehmen bereits zum Sündenbock gemacht“. Danach kamen diese Aktien wieder in den Fokus der Investoren – dieser Fall zeigt, dass durch Marktstimmung ausgelöste Fehler bei der Preisfindung keineswegs selten sind.
Seaport erkennt durch die Analyse der Veränderung der Gewinnerwartungen je Aktie über drei Monate im Vergleich zur Kursentwicklung über denselben Zeitraum, wo im Markt „vernünftige“ und „unvernünftige“ Preisschwankungen auftreten. Palfrey sagt, dass derzeit insbesondere im Industrie- und Transportsektor eine Diskrepanz zu beobachten ist: Die fundamentalen Kennzahlen verbessern sich schnell, aber die Aktienkurse spiegeln dies nicht ausreichend wider.
Er sieht einen der Hauptgründe darin, dass Kapital und die Aufmerksamkeit der Investoren vollständig vom Technologiesektor absorbiert werden. „Die Technologie zieht nicht nur sämtliche Kapitalinvestitionen an, sondern beansprucht auch die gesamte Aufmerksamkeit der Investoren.“ Das bedeutet, dass in anderen Sektoren möglicherweise unterschätzte Chancen verbleiben.
Fed-Entscheidung als größte Variable der kommenden Woche
Palfrey berichtet, dass das Thema Zinssätze bei den Telefonkonferenzen mit institutionellen Investoren in dieser Woche besonders häufig angesprochen wurde. Früher hätten Anleger bei Zinsrisiken eher abgewartet, doch mittlerweile werde dieses Thema wesentlich konkreter diskutiert, inklusive steigender Kapitalkosten, sinkender Kurs-Gewinn-Verhältnisse und demografischer Veränderungen.
Zur Zinssitzung der Federal Reserve nächste Woche warnt er, dass, selbst wenn der Markt aktuell eine Zinserhöhung mit etwa 60 % Wahrscheinlichkeit eingepreist hat, eine erneute Betonung des Inflationsdrucks und der Notwendigkeit weiterer Zinserhöhungen durch die Fed dennoch zu Überraschungen führen könnte.
„Ich denke, das wird den Aktienmarkt kurzfristig weiter abkühlen.“ sagt Palfrey. Derzeit fokussieren sich Investoren in ihren täglichen Transaktionen vorrangig auf den Ausbau der KI-Infrastruktur und reagieren weniger sensibel auf makroökonomische Daten. Aber sobald sich die Zinserzählung verändert, kann die optimistische Stimmung der Investoren gegenüber den fundamentalen Unternehmenskennzahlen wieder zurückgedrängt werden.
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